Der Klick für die gute Sache: Mit einem Klick die Welt verändern? (Schlussteil IV)

Teil I: Aktuelle politische Protestkultur

Teil II:  „Klicktivismus“: Bereicherung oder politische Selbstbefriedigung?

Teil III: Protest als Geschäftsmodell

Fortsetzung:

Die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz unterstreicht in einer 2013 herausgegebenen Studie einen weiteren wichtigen und nicht zu vernachlässigenden Aspekt im Hinblick auf Online-Partizipation: Zugang und Teilhabe. Laut der Studie nutzen vorwiegend internetaffine Personengruppen Möglichkeiten der politischen Teilhabe, wie eben Online-Petitionen. Dazu zählen in erster Linie männliche und jüngere Menschen sowie Akademiker. Migrantinnen und Migranten sind von diesen Teilhabemöglichkeiten weitestgehend ausgeschlossen. Auch Personen, die über keinen Computer oder Internetzugang verfügen, sind von diesen Möglichkeiten der politischen Teilhabe exkludiert. Das betrifft vor allem Arbeitslose, ältere Menschen und Menschen mit niedrigem Bildungsniveau.

All die genannten Punkte zeigen, dass Online-Petitionen allein nicht ausreichend sein können, um nachhaltige politische Veränderungsprozesse herbeizuführen. Auch die Arbeitsweise profitorientierter Kampagnen-Plattformen wie Change.org ist in diesem Zusammenhang kritisch zu bewerten.

Leben wir in einer Gesellschaft, in der wir die Kurzmeldungen und Aktionen im Kleinen einer großen Vision vorziehen? Steht für uns im Mittelpunkt, dass sich etwas ändert, oder geht es uns eigentlich darum, dass wir unser Dasein als Gutmensch hier und da mithilfe von Online-Petitionen und dem Teilen und Liken derselben in Szene setzen können?

Ist es vielleicht nicht so, dassächlich so, dass „Onlineproteste“ nicht nur im technischen Sinne virtuell sind, sondern auch in einem politischen Sinne? Sind sie also tatsächlich „nicht-real“, weil das politische und – vor allem – das Wirtschaftsleben ungestört weiter gehen kann? Ist „Onlineprotest“ also doch nur der für alle (!) Seiten bequemere Weg, der aber nur ins Nichts führt? Sowohl bequem für diejenigen, die auf politische Änderungen drängen und hoffen, aber nichts erreichen, dafür aber keine Energie (ergebnislos) einsetzen müssen. Und für die anderen, die den status quo bewahren wollen, natürlich noch bequemer, da ein willkommenes Surrogat gefunden wurde, mit dem gefahrlos politisches Engagement ins virtuelle Nirvana geleitet werden kann, in dem es folgenlos verpufft und die Machtverhältnisse so stabilisiert.

Ist uns „Klicktivismus“ mittlerweile wichtiger als die Teilnahme an einer Demo und der Leidenschaft für direkte politische Aktion? Oder sind Online-Kampagnen nur eine Ergänzung zu klassischen Formen von politischem Aktionismus? Ergänzen sie sich oder spielen sie sich gegeneinander aus? Muss es uns gelingen diese beiden Protestformen noch besser miteinander zu verbinden oder sollten wir uns vielleicht besser auf die Wirksamkeit des Protests der Straße rückbesinnen?

Ein Blick auf die relativ aktuelle Kampagne „Ice Bucket Challenge“ zeigt in meinen Augen einen möglichen Weg auf: Neben dem reinen Klick, kam hier auch ein finanzielles Engagement hinzu, sodass für den guten Zweck  nach letztem Stand immerhin ca. 100 Mio USD gesammelt wurden. Entscheidender für mich ist jedoch, dass auch eine physische Aktion außerhalb der Netzwerke vollzogen und dokumentiert werden musste: Eiswasser über den Kopf gießen. Die erforderliche Dokumentation der Aktion erhöhte dabei den sozialen Druck, der gerade bei social media nicht unterschätzt werden darf und trug damit zum Gelingen der Kampagne bei. Allerdings sehe ich auch die Gefahr, dass solche Kampagnen sich in einen virtuellen Pranger verwandeln können. Das hängt dann wohl auch vom Macher der Kampagne ab. Bei der Bundeswehr hätte ich da zum Beispiel wenig Vertrauen.

Politische Petitionen, egal ob online oder schriftlich, gehören für mich dagegen in die gleiche Kategorie „3F“ wie Dienstaufsichtsbeschwerden: Formlos, fristlos, fruchtlos.

Ich freue mich auf Eure Meinungen!

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