Archiv für den Monat: April 2015

Der Klick für die gute Sache: Mit einem Klick die Welt verändern? (Schlussteil IV)

Teil I: Aktuelle politische Protestkultur

Teil II:  „Klicktivismus“: Bereicherung oder politische Selbstbefriedigung?

Teil III: Protest als Geschäftsmodell

Fortsetzung:

Die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz unterstreicht in einer 2013 herausgegebenen Studie einen weiteren wichtigen und nicht zu vernachlässigenden Aspekt im Hinblick auf Online-Partizipation: Zugang und Teilhabe. Laut der Studie nutzen vorwiegend internetaffine Personengruppen Möglichkeiten der politischen Teilhabe, wie eben Online-Petitionen. Dazu zählen in erster Linie männliche und jüngere Menschen sowie Akademiker. Migrantinnen und Migranten sind von diesen Teilhabemöglichkeiten weitestgehend ausgeschlossen. Auch Personen, die über keinen Computer oder Internetzugang verfügen, sind von diesen Möglichkeiten der politischen Teilhabe exkludiert. Das betrifft vor allem Arbeitslose, ältere Menschen und Menschen mit niedrigem Bildungsniveau.

All die genannten Punkte zeigen, dass Online-Petitionen allein nicht ausreichend sein können, um nachhaltige politische Veränderungsprozesse herbeizuführen. Auch die Arbeitsweise profitorientierter Kampagnen-Plattformen wie Change.org ist in diesem Zusammenhang kritisch zu bewerten.

Leben wir in einer Gesellschaft, in der wir die Kurzmeldungen und Aktionen im Kleinen einer großen Vision vorziehen? Steht für uns im Mittelpunkt, dass sich etwas ändert, oder geht es uns eigentlich darum, dass wir unser Dasein als Gutmensch hier und da mithilfe von Online-Petitionen und dem Teilen und Liken derselben in Szene setzen können?

Ist es vielleicht nicht so, dassächlich so, dass „Onlineproteste“ nicht nur im technischen Sinne virtuell sind, sondern auch in einem politischen Sinne? Sind sie also tatsächlich „nicht-real“, weil das politische und – vor allem – das Wirtschaftsleben ungestört weiter gehen kann? Ist „Onlineprotest“ also doch nur der für alle (!) Seiten bequemere Weg, der aber nur ins Nichts führt? Sowohl bequem für diejenigen, die auf politische Änderungen drängen und hoffen, aber nichts erreichen, dafür aber keine Energie (ergebnislos) einsetzen müssen. Und für die anderen, die den status quo bewahren wollen, natürlich noch bequemer, da ein willkommenes Surrogat gefunden wurde, mit dem gefahrlos politisches Engagement ins virtuelle Nirvana geleitet werden kann, in dem es folgenlos verpufft und die Machtverhältnisse so stabilisiert.

Ist uns „Klicktivismus“ mittlerweile wichtiger als die Teilnahme an einer Demo und der Leidenschaft für direkte politische Aktion? Oder sind Online-Kampagnen nur eine Ergänzung zu klassischen Formen von politischem Aktionismus? Ergänzen sie sich oder spielen sie sich gegeneinander aus? Muss es uns gelingen diese beiden Protestformen noch besser miteinander zu verbinden oder sollten wir uns vielleicht besser auf die Wirksamkeit des Protests der Straße rückbesinnen?

Ein Blick auf die relativ aktuelle Kampagne „Ice Bucket Challenge“ zeigt in meinen Augen einen möglichen Weg auf: Neben dem reinen Klick, kam hier auch ein finanzielles Engagement hinzu, sodass für den guten Zweck  nach letztem Stand immerhin ca. 100 Mio USD gesammelt wurden. Entscheidender für mich ist jedoch, dass auch eine physische Aktion außerhalb der Netzwerke vollzogen und dokumentiert werden musste: Eiswasser über den Kopf gießen. Die erforderliche Dokumentation der Aktion erhöhte dabei den sozialen Druck, der gerade bei social media nicht unterschätzt werden darf und trug damit zum Gelingen der Kampagne bei. Allerdings sehe ich auch die Gefahr, dass solche Kampagnen sich in einen virtuellen Pranger verwandeln können. Das hängt dann wohl auch vom Macher der Kampagne ab. Bei der Bundeswehr hätte ich da zum Beispiel wenig Vertrauen.

Politische Petitionen, egal ob online oder schriftlich, gehören für mich dagegen in die gleiche Kategorie „3F“ wie Dienstaufsichtsbeschwerden: Formlos, fristlos, fruchtlos.

Ich freue mich auf Eure Meinungen!

Der Klick für die gute Sache: Mit einem Klick die Welt verändern? (Teil III)

Teil I: Aktuelle politische Protestkultur

Teil II:  „Klicktivismus“: Bereicherung oder politische Selbstbefriedigung?

Fortsetzung:

Der wichtigste und vermutlich gewinnbringendste „Schatz“ der profitorientierten Plattformen wie Change.org ist der gigantische E-Mail Verteiler, über den Kampagnen Unterstützerinnen und Unterstützer bekommen. Gegen Bezahlung können NGOs und Hilfsorganisationen Nachrichten an die Nutzerinnen und Nutzer dieser Verteiler schicken. So ist es nicht unwahrscheinlich, dass jemand, der gerade eine Petition gegen die Abholzung des Regenwaldes unterschrieben hat, bald darauf eine E-Mail zu einem ähnlichen Thema von einer anderen Organisation bekommt. Es lässt sich Geld mit unserem schlechten Gewissen verdienen.

Ein weiterer kritischer Aspekt im Hinblick auf Online-Petitionsplattformen wie Change.org ist, dass bei jedem Klick Daten preisgegeben werden, wie etwa der Account-Name oder Wohnort, und gleichzeitig Informationen an versteckte Werbeanalyse-Tools übermittelt werden. Außerdem folgen nach der Unterschrift einer Petition in der Regel weitere Kontaktaufnahmen, wie zum Beispiel die Bitte um das Teilen der Petition, ein Spendenaufruf oder die Bitte um Erlaubnis die Facebook-Kontakte einer Userin oder eines Users einsehen zu dürfen. Die bereits erwähnten E-Mail Verteiler, die gegen gutes Geld zugänglich gemacht werden, müssen auch in diesem Zusammenhang gesehen werden. Für das Gefühl, nicht tatenlos zusehen zu müssen, tauschen wir bereitwillig unsere Daten ein. Doch handelt es sich hierbei wirklich um einen guten Tausch?

In vielen Hauptstädten der Welt hat sich das Berufsbild des/der Online-Kampagnenmanagers/-in herausgebildet. Diese verschicken Pressemitteilungen zu bestimmten Petitionen, pflegen den Kontakt zu den Userinnen und Usern der Plattform und machen Marktanalysen. Diese Fähigkeiten kann man heutzutage in einem der zahlreichen Campaign Bootcamps lernen, wo Interessierte sich in aller Tiefe mit verschiedenen Onlinestrategien und deren Funktionsweisen auseinandersetzen können. Eine der zentralen Aufgaben dieser Online-Kampagnenmanagerinnen und –manager ist es, die Wirksamkeit einer Kampagne zuerst an einer kleinen Testgruppe von Menschen auszuprobieren. Sollten sich nicht genügend Menschen zu einem Thema melden und Interesse zeigen wird es fallen gelassen, ganz gleich wie wichtig das Thema vielleicht sein mag. Bei der Plattform Avaaz.org werden mögliche Kampagnen zunächst an 10.000 Mitglieder geschickt, und wenn die Resonanz gut ist, dann wird die Kampagne ausgearbeitet und an den weltweiten Verteiler geschickt. Wenn die Userinnen und User also nicht mit Kindersoldatinnen und –soldaten oder HIV-Waisen konfrontiert werden möchten, dann werden sie es auch nicht.

Hier liegt eine Gefahr, dass dies zu politischen Filterbubbles und neuen Gatekeepern führt, die wir eigentlich mit dem Internet überwinden wollten. Das scheint aber bloß ein frommer Wunsch zu sein…

Morgen erscheint der letzte Teil.

Der Klick für die gute Sache: Mit einem Klick die Welt verändern? – Teil II

(Gestern erschien Teil I: Politische Beteiligungsformen online)

Fortsetzung:

Es wird in diesem Zusammenhang häufig von „Klick-Aktivismus“, „Klicktivismus“ oder „Fünf-Minuten-Aktivismus“ gesprochen, da die Unterstützung eines bestimmten politischen Anliegens oder das politische Engagement eines „Klicktivisten“ meist mit einem Klick, einem Kommentar oder einer geteilten Botschaft enden. Frei nach dem Motto: Unterschreiben, teilen und fertig ist das politische Engagement für heute. Das gute Gewissen konnte per Mausklick befriedigt werden, andere haben gesehen, das man etwas Gutes getan hat (Stichwort Selbstinszenierung) und dafür war nur minimaler persönlicher Einsatz notwendig.

Echter Aktivismus ist tatsächlich seltener. Dies bestätigt die NEON-Umfrage aus dem Jahr 2014, die aufzeigt, dass mehr als 50% der Deutschen zwischen 18-35 Jahren bereits eine Online-Petition unterstützt haben, wohingegen nur ein Drittel dieser Altersgruppe schon mal an einer Straßendemonstration teilgenommen haben.

Darüber hinaus verlaufen etliche Online-Petitionen und Kampagnen im Sand oder bleiben wirkungslos. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Online-Kampagne für ein Asyl für den Whistleblower Edward Snowden in Deutschland.

Ein bislang in der Debatte um Online-Petitionen vernachlässigter Aspekt ist jener, dass hier von  einem Markt des Online-Protests gesprochen werden muss. Anders als bei der 2004 gegründeten Online-Kampagnen Plattform Campact.de, die 1,5 Millionen Mitglieder hat, unabhängig ist, sich ausschließlich über Spenden und Förderbeiträge finanziert und als gemeinnütziger Verein eingetragen ist haben andere Akteure bereits verstanden, dass sich mit dem schnellen Klick auch schnelles Geld verdienen lässt.

So zum Beispiel die größte Petitionsplattform der Welt, Change.org, die weltweit mehr als 85 Millionen Mitglieder in 196 Ländern zählt und somit zu den Marktführern im Bereich des Online-Aktionismus gehört. Change.org ist keine gemeinnützige Organisation, sondern ein Start-up Unternehmen und finanziert sich durch Kooperationen mit NGOs und Hilfsorganisationen. Dies erfolgt zu einem Großteil durch personalisierte und perfekt zugeschnittene Werbung, ähnlich wie bei Google oder Facebook. Aufbauend auf der Entscheidungshistorie einer Userin oder eines Users öffnen sich beim nächsten Besuch der Seite  Pop-up Fenster mit Spendenaufrufen oder Informationen zu Aktionen von bestimmten NGOs mit individuell zugeschnittenen Themen. Ähnlich der bekannten Vorgehensweise: Kunden, die Produkt X gekauft haben, kauften auch Produkt Y.

Morgen erscheint Teil III: Protest als Geschäftsmodell.

 

 

Der Klick für die gute Sache: Mit einem Klick die Welt verändern?

Spätestens seit der Online-Petition gegen eine mögliche Netzsperre aus dem Jahr 2009, die innerhalb von nur 4 Tagen von 50.000 Menschen unterschrieben wurde, ist deutlich geworden, dass Online-Partizipation, also die Mitwirkung an staatlichen Prozessen über das Internet, eine zunehmend zentrale Rolle in unserer Gesellschaft einnimmt.

So können beispielsweise E-Petitionen beim Petitionsausschuss des Bundestags eingereicht werden und auch die Europäische Union bietet über ihre Plattform „Die Europäische Bürgerinitiative“ engagierten Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit der EU-Kommission Rechtsakte vorzuschlagen, bei denen die EU zuständig ist. Die Europäische Bürgerinitiative „Wasser ist ein Menschenrecht!“ erreichte in diesem Zusammenhang im Dezember 2013 als erste das geforderte Quorum mit rund 1,68 Mio. gültigen Unterschriften. Darüber hinaus nutzen auch zunehmend mehr Städte und Kommunen Online-Plattformen, um Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zu geben ihre Ideen einzubringen. Ein Beispiel hierfür ist die Melde-App der Stadt Arnsberg, anhand derer Bürgerinnen und Bürger via Smartphone Beschwerden melden können.

Nicht nur staatliche, sondern insbesondere auch nichtstaatliche Plattformen bieten engagierten Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit sich politisch zu engagieren. Dabei spielen Petitions-Plattformen, wie Avaaz.org, Change.org oder Campact.de, eine zentrale Rolle. Als besondere Erfolge dieser Plattformen sei auf die Petition auf der Plattform Avaaz.org für mehr Sicherheitsstandards in Kleidungsfabriken, die mehr als 900.000 Menschen weltweit unterschrieben haben und die dazu führte, dass namhafte Unternehmen wie H&M, Zara oder Marks & Spencer die in der Petition enthaltenen Forderungen aufgenommen und umgesetzt haben, hingewiesen. Auch die Petition gegen ACTA, die von rund 2,4 Mio. Menschen auf der Plattform Avaaz.org unterzeichnet wurde, trug dazu bei, dass das EU-Parlament ACTA im Juli 2012 ablehnte.

Wie groß der Beitrag der Petition zum Abstimmungsverhalten der einzelnen Abgeordneten tatsächlich war kann allerdings nicht nachgewiesen werden. Dadurch stellt sich die Frage: Inwiefern kann Politik durch Online-Petitionen tatsächlich beeinflusst werden?

Petitions-Plattformen geben Menschen das Gefühl, dass sie sich auf einfachem und schnellem Wege politisch beteiligen können und es wird der Eindruck vermittelt, dass man per Mausklick die Welt verändern könne. Dabei ist die Bandbreite an Petitionsthemen scheinbar grenzenlos, von Tierschutz bis TTIP ist alles dabei. Allein in Deutschland werden jeden Monat knapp 400 Petitionen eingestellt. Besonders für junge Menschen bieten Online-Kampagnen eine gute Möglichkeit einen leichten und über von ihnen bevorzugten Kommunikationskanälen realisierten Zugang zu politischen Themen zu finden. Darüber hinaus fehlt vielen Menschen die Zeit sich neben Beruf, Studium und Alltag noch mehrere Stunden pro Woche politisch zu engagieren. Durch die Teilnahme an Online-Petitionen haben sie dennoch die Möglichkeit politischer Einflussnahme. Außerdem wirken Online-Petitionen auch dahingehend, dass Aufmerksamkeit für bestimmte Themen generiert und so indirekt über die Medien Druck auf die Politik ausgeübt wird. Ferner organisiert sich der Offline-Widerstand häufig online über die genannten Plattformen.

Nichts desto trotz bleibt die politische Durchschlagkraft von Online-Petitionen fragwürdig. Aufgrund der Vielzahl der Petitionen und Themen muss von einem „Gießkannen-Aktionismus“ gesprochen werden und der generierte Output lässt sich kaum evaluieren. Auch die Beschränkung auf politisches Engagement in der digitalen Sphäre ist kritisch zu betrachten, wenn dadurch der Protest der Straße schleichend verschwindet.

Fortsetzung morgen:  „Klicktivismus“: Bereicherung oder politische Selbstbefriedigung?